* 8 *
Beim Sprung in den Müllschlucker hatte Jenna so große Angst vor der Meuchelmörderin, dass sie gar nicht dazu kam, sich vor dem Schacht zu fürchten. Doch als sie hilflos in die pechschwarze Tiefe purzelte, geriet sie in Panik.
Das Innere des Müllschluckers war kalt und rutschig wie Eis. Es bestand aus glatt poliertem schwarzem Schiefer, den die Maurermeister, die den Zaubererturm vor vielen Jahrhunderten gebaut hatten, fugenlos geschnitten und zusammengefügt hatten. Das Gefalle war steil, so steil, dass Jenna keine Kontrolle darüber hatte, wohin sie fiel, und so purzelte sie mal hierhin, mal dorthin, rollte von einer Seite auf die andere.
Doch das Schlimmste war die Dunkelheit.
Tiefe, undurchdringliche Nacht umgab sie. Sie bedrängte Jenna von allen Seiten, und so sehr sie ihre Augen auch anstrengte, sie konnte nichts, aber auch gar nichts erkennen. Nicht das Geringste. Sie dachte, sie sei blind geworden.
Aber hören konnte sie noch. Und hinter sich vernahm sie das rasch näher kommende Zischen von feuchtem Wolfshundfell.
Maxie, der Wolfshund, hatte einen Riesenspaß. Ihm gefiel dieses Spiel. Er war ein wenig überrascht gewesen, als er in den Müllschlucker sprang und dort kein Silas mit einem Ball auf ihn wartete. Und er war noch überraschter, als seine Pfoten den Dienst versagten. Er tastete kurz umher, um den Grund dafür zu finden. Dann prallte er mit der Schnauze gegen den Nacken der gruseligen Frau. Sie hatte irgendetwas Köstliches in ihrem Haar. Gerade als er versuchte, daran zu lecken, bekam er von ihr einen heftigen Stoß verpasst und landete auf dem Rücken.
Aber jetzt war Maxie glücklich. Mit der Schnauze voraus, die Pfoten dicht am Leib, verwandelte er sich in einen stromlinienförmigen Streifen Fell und überholte sie alle. Zuerst Nicko, der ihn am Schwanz packte, dann aber wieder losließ. Dann Jenna, die ihm etwas ins Ohr schrie. Dann Junge 412, der sich zu einer Kugel zusammengerollt hatte. Und schließlich seinen Herrn, Silas. Er überholte Silas nur ungern, denn Silas war der Rudelchef, und er, Maxie, durfte eigentlich nicht die Führung übernehmen. Doch er konnte nichts dafür – in einem Schwall von kaltem Eintopf und Karottenschalen rauschte er an Silas vorbei in die Tiefe.
Der Müllschlucker schlängelte sich durch den Zaubererturm wie eine riesige, hinter dicken Mauern verborgene Rutsche. Zwischen den Stockwerken führte sie steil nach unten und nahm nicht nur Maxie, Silas, Junge 412, Jenna, Nicko und Marcia mit auf die Reise, sondern auch die Reste aller Mittagessen, die von den Zauberern heute in den Müllschlucker gekippt worden waren. Der Zaubererturm hatte einundzwanzig Stockwerke. Die beiden obersten Etagen bewohnte die Außergewöhnliche Zauberin, und jeder Stock darunter beherbergte zwei Zaubererwohnungen. Da kamen viele Mittagessen zusammen. Ein Schlaraffenland für einen Wolfshund, und Maxie fraß bei der Schussfahrt durch den Turm so viel Abfall, dass es für den ganzen Tag reichte.
Jenna kam es wie eine Ewigkeit vor, doch in Wahrheit waren es nur zwei Minuten und fünfzehn Sekunden. Dann wurde das beinahe senkrechte Gefalle flacher, und ihre Geschwindigkeit verlangsamte sich auf ein erträgliches Maß. Sie konnte es nicht wissen, aber mittlerweile hatte sie den Zaubererturm verlassen und setzte die Reise unter der Erde fort, dem Kellergeschoss des Wächtergerichtsgebäudes entgegen. Es war immer noch stockdunkel und frostig kalt im Müllschlucker, und sie fühlte sich sehr einsam. Sie spitzte die Ohren und horchte, ob von den anderen etwas zu hören war, doch jeder wusste, wie wichtig es war, still zu sein, und so wagte keiner zu rufen. Jenna glaubte, das Rauschen von Marcias Umhang hinter sich zu hören, doch seit Maxie vorbeigeflitzt war, hatte sie von den anderen kein Lebenszeichen mehr empfangen. Der Gedanke, für immer allein im Dunkeln zu bleiben, ergriff von ihr Besitz, und sie geriet abermals in Panik. Doch genau in dem Augenblick, als sie glaubte, schreien zu müssen, fiel aus einer Küche weit über ihr ein schmaler Lichtstrahl herab, und sie erhaschte einen Blick auf Junge 412, der sich nicht weit vor ihr zu einer Kugel zusammengerollt hatte. Sein Anblick gab ihr wieder Mut, und sie fühlte mit dem schmächtigen jungen Wächter im Schlafanzug.
Junge 412 war nicht in der Verfassung, mit jemandem Mitleid zu empfinden, am wenigsten mit sich selbst. Er hatte sich instinktiv zusammengerollt, als ihn das verrückte Mädchen mit dem goldenen Diadem in den Abgrund gestoßen hatte, und auf der gesamten Höllenfahrt durch den Turm war er im Müllschlucker von einer Seite auf die andere gerasselt wie eine Murmel in einer Abflussrinne. Er war bestimmt überall grün und blau, aber er war nicht mehr so verängstigt wie vorhin nach dem Aufwachen, als er sich in der Gesellschaft zweier Zauberer, eines Zaubererjungen und eines Zauberergeists wieder gefunden hatte. Sein Verstand begann wieder zu arbeiten, als die Rutsche flacher und er selbst langsamer wurde. Die wenigen klaren Gedanken, die er fassen konnte, führten zu dem Ergebnis, dass das Ganze eine Prüfung war. Bei der Jungarmee gab es häufig Prüfungen. Unangekündigte Prüfungen, die schrecklich waren. Meist wurde man mitten in der Nacht überrumpelt, wenn man gerade eingeschlafen war und das schmale kalte Bett einigermaßen angewärmt hatte. Aber dies musste eine große Prüfung sein. Eine Prüfung auf Leben und Tod. Junge 412 biss die Zähne zusammen. Er wusste es nicht mit Bestimmtheit, aber er hatte das ungute Gefühl, dass es diesmal ums Ganze ging. Doch worum es auch ging, er konnte nicht viel tun. Also schloss er fest die Augen und kullerte weiter.
Die Rutsche führte immer weiter abwärts. Sie schwenkte links um die Ecke und schlüpfte unter der Kanzlei des Wächterrats durch, bog dann rechts in Richtung Armeeamt ab und führte geradeaus bis zu der Stelle, wo sie sich durch die dicken Mauern der Küche unter dem Palast bohrte. Hier war die Schweinerei am größten.
Die Küchenmädchen waren noch mit dem Aufräumen nach dem Mittagsbankett des Obersten Wächters beschäftigt, und aus den Luken über dem Müllschlucker, die sich mit beängstigender Häufigkeit öffneten, prasselten die Reste des Festmahls auf sie nieder. Selbst Maxie, der bisher gar nicht genug kriegen konnte, fand es jetzt unangenehm, insbesondere als ein fest gewordener Reispudding mitten auf seiner Nase landete. Das Küchenmädchen, das den Pudding weggekippt hatte, erhaschte einen Blick auf Maxie und hatte danach wochenlang Albträume von Wölfen im Müllschlucker.
Auch für Marcia war es ein Albtraum. Sie wickelte sich fest in ihren lila Seidenumhang, dessen Pelzfutter mit Vanillesoße überzogen war, duckte sich unter einem Rosenkohlhagel und übte schon mal den Sekunden-Schnellreinigungszauber, damit sie ihn sofort sprechen konnte, wenn sie dem Müllschlucker entstieg.
Schließlich ließen sie die Küchen hinter sich, und im Müllschlucker wurde es etwas sauberer. Jenna seufzte erleichtert, doch schon im nächsten Augenblick stockte ihr wieder der Atem. Die Rutsche tauchte mit jähem Gefälle unter der Burgmauer durch und strebte ihrem Endziel entgegen, der Müllkippe am Fluss.
Silas erholte sich als Erster von der unerwarteten Tempoverschärfung und vermutete, dass sie sich dem Ende der Reise näherten. Er spähte in die Dunkelheit und versuchte, das Licht am Ende des Tunnels auszumachen, doch er konnte nicht das Geringste erkennen. Er wusste, dass die Sonne mittlerweile untergegangen war, hatte aber gehofft, dass nach Mondaufgang etwas Licht hereinfallen würde. Und dann geschah etwas Unerwartetes. Es stieß gegen etwas Festes und kam zum Stehen. Gegen etwas Weiches und Glitschiges, das widerlich roch. Maxie.
Silas war noch mit der Frage beschäftigt, wieso Maxie den Müllschlucker blockierte, als in rascher Folge Junge 412, Jenna, Nicko und Marcia von hinten in ihn hineinrauschten. Da dämmerte Silas, dass nicht nur Maxie glitschig war und widerlich stank, sondern sie alle.
»Dad?«, drang Jennas Stimme ängstlich aus dem Dunkel. »Bist du das, Dad?«
»Ja, mein Schatz«, flüsterte Silas.
»Wo sind wir, Dad?«, fragte Nicko heiser. Er hasste den Müllschlucker. Bis zu seinem Sprung durch die Klappe hatte er keine Ahnung gehabt, dass er zu Platzangst neigte. Was für eine schreckliche Art, es herauszufinden! Er hatte es geschafft, seine Angst zu überwinden, indem er sich sagte, dass sie wenigstens in Bewegung waren und bald wieder draußen sein würden. Doch jetzt waren sie zum Stehen gekommen. Und sie waren nicht draußen.
Sie saßen fest.
In der Falle.
Nicko wollte sich aufsetzen, stieß jedoch mit dem Kopf gegen den kalten Schiefer über ihm. Er streckte die Arme zur Seite. Sie berührten die eisglatten Seiten der Rutsche, ehe er die Ellbogen ganz durchgedrückt hatte. Er merkte, wie sein Atem immer schneller ging. Er musste ganz schnell hier heraus, sonst drehte er durch.
»Warum halten wir?«, zischte Marcia.
»Das Rohr ist verstopft«, flüsterte Silas, der an Maxie vorbei nach vorn getastet hatte. Offenbar waren sie in einem großen Abfallhaufen gerutscht, der den Weg versperrte.
»Verflixt!«, knurrte Marcia.
»Dad, ich will hier raus«, stöhnte Nicko.
»Nicko?«, flüsterte Silas. »Bist du in Ordnung?«
»Nein ...«
»Das ist die Rattentür!«, sagte Marcia triumphierend. »Ein Gitter, das die Ratten vom Müllschlucker fern halten soll. Es wurde letzte Woche eingesetzt, nachdem Endor in ihrem Eintopf eine Ratte gefunden hatte. Mach es auf, Silas.«
»Ich komm nicht ran. Der viele Müll ist im Weg.«
»Hättest du einen Reinigungszauber gesprochen, wie ich dir gesagt habe, wäre jetzt keiner da!«
»Marcia«, zischte Silas, »wenn man dem Tod ins Auge blickt, gibt es wichtigere Dinge als Putzen.«
»Dad«, stöhnte Nicko verzweifelt.
»Dann tu ich es eben«, knurrte Marcia. Sie schnippte mit den Fingern und murmelte etwas. Ein gedämpftes Klirren war zu vernehmen, als die Rattentür aufsprang, und dann ein Zischen, als der Abfall sich freundlicherweise selbst aus dem Müllschlucker beförderte und hinunter auf die Müllkippe fiel.
Sie waren frei.
Der Vollmond, der über den Fluss heraufstieg, warf sein klares weißes Licht in die dunkle Röhre und wies den sechs müden und geschundenen Reisenden den Weg zu dem Ort, nach dem sie sich so gesehnt hatten.
Zur Müllkippe Schönblick.